Rituale in Mérida
Gegen 5 Uhr wird es hell, ich liege im Zelt, wieder eine Nacht im Schweiß. Der Körper hat sich fast daran gewöhnt. Viel Zeit bleibt nicht. Der Morgen ist so kostbar, denn die Hitze kommt in etwa zwei Stunden und wächst bis zum Nachmittag gegen 17 Uhr kontinuierlich an.
Eine Dusche am Pool, alle schlafen noch. Ich zieh meinen Bikini an, gleite entlang der Schlafsäle und drehe mich in den Wasserstrahl. Der Schweiß rinnt in den Abguss. Ich wickle das Handtuch um den Körper und flitze zurück zum Zelt.
Das ist der Bereich: im Hinterhof, ist mein Reich. Ein Jetski, geparkt mit Schutzplane unter einem Wellblechdach, ist mein Regal für Zahnbürste und Kamm.
Seit drei Monaten lebe ich dort. Vorher lag ich auch im Dorm mit den anderen Mädels. Das war oft anstrengend, denn ich brauche freie Bewegung. Gerade als Transfrau habe ich eine gewisse Scham, meinen Körper zu zeigen.
Bin ich ok? Akzeptieren mich die anderen Frauen? Mein Geist liefert mir mögliche Angstbilder, die reine Projektion sind, aber auf Erinnerungen basieren, die real sind. Ich bin immer eine Art Fremdkörper, der nicht eindeutig gelesen werden kann. Manche sehen mich als Frau, andere als Mann, manche bekommen Angst vor mir.
Ich erinnere mich an Hamburg. Nachdem ich zwei Wochen mit einem gewalttätigen Typen im A+O Hostel übernachtet hatte und später mit ihm im Puff den Tag verbracht hatte – er war Türsteher und hat von 18 Uhr bis früh um 6 Uhr Leute reingebracht oder rausgeworfen, oder ihnen eine Watsche gegeben –, war mir das irgendwann zu viel. Seine Aggression ist auf mich übergegangen, er hat mich geboxt und gehauen.
Ich floh in ein anderes Hostel und wurde in die Mädchenetage gelassen. Gerne – unter Männern fühle ich mich nicht besonders wohl. Bei Mädchen ist es auch seltsam, weil sie den Braten natürlich sofort riechen und mich als Eindringling betrachten. Nicht alle, aber ein Mädel ist in der Nacht aufgesprungen, als ich ins Zimmer kam, und rief: „What do you want.“
Ich erinnere mich an sie aus dem Gemeinschaftsbereich – sie hat mich kritisch beäugt, auch viele andere. An mir brechen die Wellen der Aufmerksamkeit in zwei Lager: Ablehnung oder Anziehung. Ich bin ein Magnet für Hass und Liebe. Immer extrem.
Und deshalb versuche ich, eher unscheinbar zu bleiben, meiner Arbeit nachzugehen und möglichst keine Aufmerksamkeit zu erregen.
Aber das nützt nicht immer etwas. So in dieser Nacht. Ich sage: „I just want to go to bed, nothing else.“ Im Kopf denke ich: Früher als Mann haben mich die Frauen ins Bett gezerrt, jetzt habe ich die Transition hinter mir und die Männer greifen nach mir. Die Frauen? Ja, auch noch – nur anders. Vielleicht findet sie mich attraktiv und verwandelt ihr Gefühl in Abwehr, weil ich ihr Konzept durcheinanderbringt.
Man müsste Hostels erfinden, wo queere Leute einen sicheren Platz finden.
Momentan lebe ich das. Und zwar in meinem Zelt.
Das war der Morgen. Jetzt sitze ich am PC und schreibe meine Gedanken auf.
Da passiert so viel, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.
Gehen wir einen Schritt zurück. Es ist 7 Uhr, Mérida, México. Die Straßen sind noch ruhig, nur die großen, wuchtigen blauen Dieselbusse mit den offenen Türen und den kaputten Frontspoilern rauschen wild durch die Gassen.
Ich gehe zum Park San Sebastián. Da gibt es Bäume, einen Brunnen, eine Kirche. Am Sportplatz für Softball vorbei laufe ich im Genuss der Frische zwischen den Sportanlagen hindurch, Richtung ADO-Busstation Mérida – Historical – Centro.
Dort kam ich am 25.11.2025 von Cancún an. Die riesigen Ventilatoren hängen über mir, die Monitore mit den aktuellen Abfahrten zeigen mir viele unbekannte Orte, deren Klang mir bleibt – auf dem Rückweg zum Parque San Juan. Tulum, Chetumal, Bacalar, Ciudad de México.
Ich nutze den Morgen, um wenigstens eine Stunde ohne Handy und Geld unterwegs zu sein. Meine Tragetasche aus Österreich ist ziemlich zerschlissen. Ein Loch an der Unterseite, ein abgerissenes Trageband machen es zu einem Abenteuer, die Utensilien wie Lippenstift, Malstift, Schlüssel und Taschenspiegel sicher zu verstauen.
Ich kann ohne diese Tasche nicht rausgehen. Es geht nur morgens. Denn ich lagere das am Zelt und muss immer aufpassen, dass nichts verschwindet. Da ist das Handy, voll mit tausenden Fotos und Videos, Berichten, Texten, Audioaufnahmen. Klar, ich übertrage die Daten auf den PC, aber der ist auch schon voll.
Das Morgenritual besänftigt meine Sammelobsession. Gibt meinem Körper Freiraum und Spiel. Ich kann tanzend die Arme schütteln, die Hände über den Kopf in alle Richtungen wenden, die Hände in die Hüften stemmen – und so diese Brunnenstatue besuchen, die von schlangenhaft gewundenen großen Bäumen umgeben ewig rastend im Brunnen steht.
Einmal habe ich sie gefilmt. Wenn man sie seitlich betrachtet, sieht es aus, als würde sie im Stehen pinkeln. Frontal sieht man einen Becher, aus dem das Wasser plätschert. Für mich ist sie das Symbol für mich und Mérida geworden. Manche Menschen sehen mich sofort als Frau, als Transfrau oder als Mann – je nachdem, aus welcher Perspektive sie mich betrachten.
Die Perspektive ist die gesammelte Welt der Eindrücke, die Orientierung in der Welt ermöglicht durch Verteilung von Begriffen auf Objekte, die mit Begriffen nur bedingt eingeteilt und angesprochen werden können.
Das ist der Blitz, das ist ein Baum, das ist eine Frau: Wir passen unsere Reaktionen an den Begriff von der Welt an, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben – denn Ambivalenzen können lähmen. Klarheit gibt Raum für Entscheidungen und Aufmerksamkeit.
Was ist das? Bist du eine Frau oder ein Mann? Wie oft habe ich das gehört, seitdem ich die Transition gemacht habe. Vorher war es aber nicht leichter, im Gegenteil: Eine Stimme hat mich wie ein Schatten 35 Jahre lang verfolgt.
Du lebst nicht dein Leben, weil du Angst vor Ablehnung hast. Und das ist, wie ich erlebt habe, eine berechtigte Einstellung. Ein Stoß aus der Gruppe war für den Menschen seit Anbeginn das Todesurteil. Die Vogelfreien lebten in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Transsein ist ähnlich.
Wir werden von anderen als verletzlich und ohne Schutz gelesen. Eine Minderheit, auf die die Unsicherheit der Normalen projiziert wird, kann eine Entladung der Wut und des Hasses auslösen. Eine Ersatzhandlung, um die Gruppenstärke zu untermauern.
Schwarz-Weiß – und ich weiß, wo ich stehe, wer ich bin, weil ich gelernt habe, wer zu den Ausgestoßenen gehört. So wie bei der Auswahl der Fußballspieler in der Schule: Ich war immer die Letzte, niemand wollte mich – während ich ja lieber mit den anderen Mädchen tanzen wollte.
Doch wem hätte ich das sagen sollen? Diesen Jungs, die sich gerne raufen und auf die scheinbar Schwachen einprügeln? Mir sind diese Erlebnisse so hell im Kopf, dass ich sie überall mit mir trage.
Sie sind mein Schatz an Erfahrungen zum Umgang mit der Welt. Ich bin verletzlich und das ist Stärke.